SPNV-Qualitätsbericht

Veröffentlicht am 19.06.2020

Der Qualitätsbericht zum Schienenpersonennahverkehr in Nordrhein-Westfalen erscheint jedes Jahr. So lassen sich Qualitätsverbesserungen objektiv nachverfolgen.

Jährlich wird gemessen, wie sich das Qualitätsniveau im Nahverkehr auf der Schiene entwickelt hat. Der Qualitätsbericht gibt Auskunft, ob definierte Standards – z. B. bei Service und Sicherheit – eingehalten wurden oder ob neu eingeführte Maßnahmen erfolgreich waren. Inhaltlich liegen ihm größtenteils objektiv messbare Daten zugrunde. Dazu zählen beispielsweise die Pünktlichkeit der Verkehrsmittel oder Zugausfälle. Diese Werte ergeben sich aus den Liefernachweisen der Eisenbahnverkehrsunternehmen. Seit 2009 weist der Bericht auch aus, wie es um die Leistungsfähigkeit der Eisenbahninfrastruktur in NRW steht.

Der aktuelle SPNV-Qualitätsbericht 2019 ist hier in Kurzfassung und Langfassung zum Download verfügbar.

Ausgangslage


Mit der Aufstellung eines jährlichen SPNV-Qualitätsberichts sollen die qualitätsrelevanten Daten der SPNV-Aufgabenträger in NRW zusammengefasst dargestellt und ausgewertet werden. Der erste landesweite Qualitätsbericht beschreibt das Qualitätsniveau des Jahres 2004. Die seit 2011 erschienenen Qualitätsberichte stehen als Kurz- und Langfassung auf der Internetseite des Kompetenzcenters Integraler Taktfahrplan NRW (KC ITF) zur Verfügung

Der landesweite Qualitätsbericht beschränkt sich bei der vergleichenden Darstellung der Betriebsqualität notwendigerweise auf die Dokumentation von Pünktlichkeit und Zugausfällen, da die Datengrundlage in den einzelnen Räumen aufgrund unterschiedlicher Regelungen in den Verkehrsverträgen zwischen SPNV-Aufgabenträgern und den Eisenbahnverkehrsunternehmen sehr heterogen ist. Beispielsweise liegen die Toleranzwerte für die Pünktlichkeit je nach Verkehrsvertrag zwischen 0 und 5 Minuten. Seit dem Qualitätsbericht 2009 bleiben die vertraglich vereinbarten Toleranzzeiten unberücksichtigt. Stattdessen wird für alle Linien eine einheitliche Toleranzzeit von 3:59 Minuten angesetzt. Damit sind die Pünktlichkeitsquoten der einzelnen Linien miteinander vergleichbar.

  • Pünktlichkeit: Das Pünktlichkeitsniveau im NRW-Nahverkehr im Jahr 2019 hat sich im Vergleich zum Vorjahr leicht verbessert.

    Die Pünktlichkeitsquote der RE-Linien ist auf 80,0 % im Jahr 2019 gestiegen (2018: 78,2 %, 2017: 81,3 %, 2016: 84,0 %). Dadurch ist zwar eine positive Gesamtentwicklung zu erkennen, in den letzten zehn Jahren wurde jedoch nur 2015 und 2018 ein niedrigerer Durchschnitt ermittelt. 18 der insgesamt 27 untersuchten RE-Linien konnten eine im Vergleich zum Vorjahr gestiegene Pünktlichkeit aufweisen. Noch immer zeigen insbesondere die langlaufenden RE-Linien, die durch stark belastete Knotenbahnhöfe und überlastete Schienenwege verkehren, hohe Pünktlichkeitsdefizite auf.

    Nach Start des RRX-Vorlaufbetriebs wurden die ersten beiden in Betrieb genommenen Linien (RE 5 Wesel – Koblenz und RE 11 Düsseldorf – Kassel) hinsichtlich ihrer Betriebsqualität genauer untersucht. In den Ergebnissen zeigen sich eindrucksvolle Verbesserungen: die Pünktlichkeit stieg beim RE 11 (RRX) im Vergleich zum Vorjahr um fast 20 %, beim RE 5 (RRX) um 10 %. Gründe hierfür sind die neuen Fahrzeuge inklusive vorgehaltener Betriebsreserven und das neue Instandhaltungskonzept sowie die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit in der Betriebszentrale der DB Netz. Trotz dieser Verbesserungen weißt die stark nachgefragte langlaufenden RE-Linie RE 5 (RRX) Wesel – Koblenz die geringste Pünktlichkeit bei den RE-Linien auf (60,4 % bis 9. Juni, 66,5 % ab 9. Juni als RRX).

    Leicht gestiegen ist ebenfalls die Pünktlichkeitsquote der RB-Linien um 0,7 Prozentpunkte auf 86,2 % (2018: 85,5  %, 2017: 87,2 %, 2016: 89,3 %). Mit diesem Wert scheint der seit 2016 anhaltende negative Trend zwar gebrochen; in den letzten zehn Jahren gab es jedoch ausschließlich 2018 einen noch niedrigeren Mittelwert über alle RB-Linien.

    Besonders verspätungsanfällig sind die RB-Linien RB 69 Münster – Bielefeld (64,8 % (-8,3 %)), RB 71 Bielefeld – Rahden (69,3 % (+9,3 %)) und RB 26 Köln – Mainz (70,5  % (+2,0 %). Im Gegenzug sind aber auch Linien mit sehr hoher Pünktlichkeit anzutreffen (z.  B. RB 96 Betzdorf – Neunkirchen – Dillenburg mit 99,4 %).

    Die S-Bahnen stellen auch 2019 – wie in den Vorjahren – die pünktlichste Produktgruppe im nordrhein-westfälischen SPNV dar. Die Pünktlichkeitsquote der S-Bahn-Linien (Rhein-Ruhr/Köln) hat sich gegenüber dem Vorjahr ebenfalls leicht verbessert, und zwar von 89,6 % im Jahr 2018 (2017: 90,9 %, 2016: 91,6 %) auf 90,8 % im Jahr 2019.

    Um detaillierte Aussagen über das Zustandekommen der Unpünktlichkeit zu treffen, wird eine Auswertung der Pünktlichkeitsquoten einzelner Streckenabschnitte über feste Messpunkte herangezogen. Insbesondere bei langen Linienverläufen zeigen sich starke Schwankungen in der Pünktlichkeit. Gründe sind meist stark frequentierte Trassen, die Abhängigkeit von der Pünktlichkeit im Fernverkehr, Langsamfahrstellen aufgrund von Baustellen und Infrastrukturmängeln sowie externe Störungen wie z. B. Stellwerksausfall.

  • Zugausfall: Seit dem SPNV-Qualitätsbericht 2007 werden neben den nicht vorhersehbaren Zugausfällen auch die vorhersehbaren Zugausfälle dokumentiert. Diese Herangehensweise folgt der Auffassung, dass auch planmäßige Ausfälle (z. B. Schienenersatzverkehr wegen Bauarbeiten) zu Qualitätseinbußen führen (zusätzlicher Umstieg, verlängerte Fahrzeit, Komforteinbußen).

    Etwa 6,4 Mio. Zugkilometer sind im Jahr 2019 in NRW ausgefallen. Bei einem gesamten Zugkilometer-Volumen von rund 111 Mio. entspricht dies knapp 5,8 %.

    Besonders vorhersehbare Zugausfälle stiegen weiter an und erreichten im Jahr 2019 mit rund 3,9 Mio.-Zug-km einen neuen Höchstwert (2018: ca. 3,5 Mio. Zug-km, 2017: ca. 2,1 Mio. Zug-km). Verantwortlich hierfür war die Vielzahl der großen und lang andauernden Baumaßnahmen im Streckennetz. Im Jahr 2019 ist dabei insbesondere die Streckensanierung im Bereich Essen–Duisburg–D-Flughafen zu nennen, welche die gesamten Sommerferien 2019 (insgesamt sechs Wochen) zu einer Sperrung der Gleise führte. Die zweite große Baumaßnahme ist die Erneuerung von drei Brücken an der Hauptstrecke NRW-Berlin in Bielefeld.

    Die nicht vorhersehbaren Ausfälle blieben mit 2,5 Mio. Zkm etwa auf dem Niveau des Vorjahres (2018: 2,4 Mio. Zug-km, 2017: 1,3 Mio. Zug-km). Ein wesentlicher Grund für landesweit auftretende nicht vorhersehbare Zugausfälle ist ein Mangel an Betriebspersonal und Störungen an den Fahrzeugen.

Neben der Betriebsqualität wird im SPNV-Qualitätsbericht auch die landesweite Infrastrukturqualität erfasst.

  • Schienennetz:  Um eine umfassende Datengrundlage über die Leistungsfähigkeit der Eisenbahn-Infrastruktur in NRW zu erhalten, wird seit 2009 der Zustand des SPNV-Netzes anhand des „Verzeichnisses der örtlich zulässigen Geschwindigkeiten (VzG)“ sowie der „Verzeichnisse der Langsamfahrstellen (La-Verzeichnis)“ der Infrastrukturbetreiber analysiert. Seit 2010 sind die Ergebnisse im SPNV-Qualitätsbericht dokumentiert. Im Durchschnitt verursachten 2019 pro Monat rd. 81 La-Stellen auf einer Länge von rd. 125 km eine durchschnittliche Reduzierung der örtlich zulässigen Geschwindigkeit um rd. 45 km/ h. Diese Werte liegen etwa auf dem Niveau von 2018, aber deutlich über den Zahlen der letzten Jahre (2017: 54 La-Stellen mit einer Länge von ca. 66 km). Während in den vergangenen Jahren primär eine stetige Zunahme baustellenbedingter Geschwindigkeitseinschränkungen vorlag, ist 2018 und 2019 zudem eine gravierende Zunahme an infrastrukturellen Mängeln zu beobachten.  

  • Verkehrsstationen:  Neben dem Zustand des Schienennetzes ist im Jahr 2019 – wie in den Vorjahren auch – das Erscheinungsbild der Verkehrsstationen hinsichtlich der Kriterien Funktion, Sauberkeit und Graffiti erhoben und bewertet worden. Derzeit weisen 91 der 774 untersuchten Stationen ein nicht akzeptables Erscheinungsbild auf. Der Anteil dieser Stationen liegt mit rund 11% im Jahr 2019 auf dem Niveau des Vorjahres.

Weiterhin informiert der landesweite Qualitätsbericht über die in Ausschreibungsverfahren vergebenen SPNV-Netze in NRW und gibt weitere Einblicke zur Qualität im SPNV in NRW (z. B. Projekte des Infrastrukturprogramms Robustes Netz NRW, Überblick über geplante Baumaßnahmen in den Jahren 2020 - 2022, Auswertungen der Schlichtungsstelle Nahverkehr zu eingegangenen Kundenbeschwerden).

Akteure


Das Land NRW hat im Jahr 2004 die Erstellung eines jährlichen Qualitätsberichts für den SPNV in NRW initiiert und unterstützt seitdem deren Erstellung.

Seit 2011 ist das Kompetenzcenter ITF NRW, angesiedelt beim NWL am Standort Bielefeld, mit der Erstellung des SPNV-Qualitätsberichtes NRW betraut. Die in den letzten Jahren erschienenen Qualitätsberichte stehen als Kurz- und Langfassung auf der Internetseite des KC ITF zur Verfügung (Qualitätsberichte SPNV NRW).

Die SPNV-Aufgabenträger VRR, NVR und NWL veröffentlichen für ihr Verbandsgebiet regionale Berichte zur SPNV-Qualität, die teilweise eine weitergehende Differenzierung aufweisen. Dabei handelt es sich beispielsweise um die Berücksichtigung "weicher" Kriterien, die durch „Profitester“ und Kundenzufriedenheitsuntersuchungen erhoben werden, die die Qualität der Fahrgastinformation, den Zustand der Fahrzeuge, das Zugbegleitpersonal und die Situation an den Bahnhöfen betreffen.

Probleme und Aufgaben


NRW ist noch entfernt von zufriedenstellenden Pünktlichkeitswerten (Zielmarke: 95% und besser). Fest verankerte Qualitätsstandards der Verkehrsverträge, die Pönalen (Vertragsstrafen) bewehrt sind, haben in den vergangenen Jahren jedoch wesentlich dazu beigetragen, das Qualitätsniveau im SPNV zu steigern. Das lässt sich NRW-weit im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme der im Wettbewerb vergebenen Linien und Teilnetze beobachten.

Darüber hinaus sind weitere maßgebliche Investitionen in die Schieneninfrastruktur notwendig, die durch den Mischbetrieb von Fern-, Nah- und Güterverkehr punktuelle Engpässe aufweist und so oftmals einem reibungslosen Betriebsablauf entgegensteht. Einen Beitrag zur Ermittlung von Mängeln in der Infrastruktur können der für das Jahr 2009 zum ersten Mal erarbeitete Netzzustandsbericht NRW sowie die in Folge veröffentlichten SPNV-Qualitätsberichte leisten. 

Die Vielzahl der Baumaßnahmen im Streckennetz, die zurzeit realisiert wird und geplant ist, wird mittelfristig einen verbesserten Infrastrukturzustand erzeugen. Durch die Infrastrukturmaßnahmen im Zuge der Einführung des Rhein-Ruhr-Express (RRX) wird eine deutliche Verbesserung des Betriebsablaufs auf der Achse Köln - Düsseldorf - Essen - Dortmund - Hamm erwartet. Im Projekt „Robustes Netz NRW“ werden gezielt Infrastrukturprojekte geplant, die auch bei zukünftigen Baumaßnahmen die Flexibilität im Betrieb erhöhen und ein robustes Angebot im Nahverkehr ermöglichen.

Die Fortführung der Modernisierungsoffensive der Verkehrsstationen (MOF 3 sowie die Modernisierungsmaßnahmen an den RRX-Außenästen) trägt dazu bei, die Stationsqualität flächendeckend zu steigern.

Auch ist auf Grundlage der linienspezifischen Ergebnisse der Qualitätsberichte die Disposition an den neuralgischen Knotenbahnhöfen durch die Infrastrukturbetreiber zu überprüfen, um beispielweise im Verspätungsfall auf klar definierte Regularien der Betriebsdurchführung zurückgreifen zu können. Im Qualitätsmonitoring wird derweil ein Konzept erarbeitet, welches die standardisierte Auswertung der Betriebsqualität vereinfacht und der Öffentlichkeit rasch landesweite aktuelle Daten bereitstellen kann.

Zur Verbesserung der Qualität im SPNV rückt der Abbau des zunehmenden Personalmangels im Fahrbetrieb immer stärker ins Blickfeld. So sind verstärkt auftretende, nicht vorhersehbare Zugausfälle festzustellen, die durch den Ausfall von Triebfahrzeugführern sowie Fahrdienstleitern bedingt sind. Weiterhin sind durch eine verlässliche und zeitgerechte Bereitstellung der Fahrzeuge Anfangsverspätungen, die sich im Fahrtverlauf summieren können, vermeidbar. Der konsequente Einsatz spurtstarker Fahrzeuge mit ausreichenden Kapazitäten kann Verspätungen im Fahrtverlauf reduzieren. Damit Fahrpläne in der Praxis einzuhalten sind, müssen ausreichende Pufferzeiten und erhöhte Fahrgastwechselzeiten auf stark frequentierten Streckenabschnitten berücksichtigt werden.

Um den Schienenverkehr in Nordrhein-Westfalen zu unterstützen, wurde im vergangenen Jahr die Gemeinschaftsinitiative „Fokus Bahn“ zwischen Aufgabenträgern, Eisenbahnverkehrsunternehmen und dem Verkehrsministerium gestartet, die vom Land Nordrhein-Westfalen mit einer Million Euro unterstützt wird. In dieser Initiative setzen sich die Akteure unternehmensübergreifend für eine zukunftsfähige Weiterentwicklung der Bahnbranche ein, die zu langfristigen Verbesserungen beim Eisenbahnverkehr führen soll. Wichtige Themen bei „Fokus Bahn“ sind unter anderem die überbetriebliche Ausbildung, Verkehrsverträge und Kundenzufriedenheit.