SPNV-Qualitätsbericht

Veröffentlicht am 19.07.2019

Der Qualitätsbericht zum Schienenpersonennahverkehr in Nordrhein-Westfalen erscheint jedes Jahr. So lassen sich Qualitätsverbesserungen objektiv nachverfolgen.

Jährlich wird gemessen, wie sich das Qualitätsniveau im Nahverkehr auf der Schiene entwickelt hat. Der Qualitätsbericht gibt Auskunft, ob definierte Standards – z. B. bei Service und Sicherheit – eingehalten wurden oder ob neu eingeführte Maßnahmen erfolgreich waren. Inhaltlich liegen ihm größtenteils objektiv messbare Daten zugrunde. Dazu zählen beispielsweise die Pünktlichkeit der Verkehrsmittel oder Zugausfälle. Diese Werte ergeben sich aus den Liefernachweisen der Eisenbahnverkehrsunternehmen. Seit 2009 weist der Bericht auch aus, wie es um die Leistungsfähigkeit der Eisenbahninfrastruktur in NRW steht.

Der aktuelle SPNV-Qualitätsbericht 2018 ist hier in Kurzfassung und Langfassung zum Download verfügbar.

Ausgangslage


Mit der Aufstellung eines jährlichen SPNV-Qualitätsberichts sollen die qualitätsrelevanten Daten der SPNV-Aufgabenträger in NRW zusammengefasst dargestellt und ausgewertet werden. Der erste landesweite Qualitätsbericht beschreibt das Qualitätsniveau des Jahres 2004. Die seit 2011 erschienenen Qualitätsberichte stehen als Kurz- und Langfassung auf der Internetseite des Kompetenzcenters Integraler Taktfahrplan NRW (KC ITF) zur Verfügung

Der landesweite Qualitätsbericht beschränkt sich bei der vergleichenden Darstellung der Betriebsqualität notwendigerweise auf die Dokumentation von Pünktlichkeit und Zugausfällen, da die Datengrundlage in den einzelnen Räumen aufgrund unterschiedlicher Regelungen in den Verkehrsverträgen zwischen SPNV-Aufgabenträgern und den Eisenbahnverkehrsunternehmen sehr heterogen ist. Beispielsweise liegen die Toleranzwerte für die Pünktlichkeit je nach Verkehrsvertrag zwischen 0 und 5 Minuten. Seit dem Qualitätsbericht 2009 bleiben die vertraglich vereinbarten Toleranzzeiten unberücksichtigt. Stattdessen wird für alle Linien eine einheitliche Toleranzzeit von 3:59 Minuten angesetzt. Damit sind die Pünktlichkeitsquoten der einzelnen Linien miteinander vergleichbar.

  • Pünktlichkeit: Das Pünktlichkeitsniveau im NRW-Nahverkehr im Jahr 2018 hat sich im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert.

    Die Pünktlichkeitsquote der RE-Linien ist auf 78,2 % im Jahr 2018 abgesunken (2017: 81,3 %, 2016: 84,0 %). Dies stellt den niedrigsten Wert seit Beginn der Erfassung der Daten durch das KC ITF im Jahr 2010 dar. Besonders niedrig liegt weiterhin die Pünktlichkeitsquote der stark nachgefragten langlaufenden RE-Linien RE 5 Wesel – Koblenz (54,5 %) und RE 1 Aachen – Hamm (58,8 %). Die beiden Linien verkehren über weite Strecken auf dem als „überlasteter Schienenweg“ gekennzeichneten Abschnitt zwischen Remagen – Köln – Düsseldorf – Duisburg. Auch die beiden auf der Eifelstrecke fahrenden Regionalexpresslinien RE 12 und RE 22 verzeichneten einen deutlichen Rückgang ihrer Pünktlichkeitsquoten (RE 12: 80,9 % (-5,5 %), RE 22: 74,5 % (-11,1). Neben einer komplexen Linienführung (niveaugleiche Kreuzungen) erschwerten extreme Wetterereignisse den Betrieb. Einen weiteren auffälligen Rückgang der Pünktlichkeitsquote zeigt der Wupper-Express (RE 4) zwischen Aachen und Dortmund auf 66,3 % (-7,7 %). Der ebenfalls über die Wupper-Achse verkehrende RE 7 liegt mit 70,4 % (-0,4 %) auch deutlich unter dem Durchschnittswert aller RE-Linien. Beide Linien sind durch die hohe Kapazitätsauslastung und die enge Zugfolge des im Mischverkehr mit dem Fernverkehr und Güterverkehr befahrenen Abschnitts betroffen. RE-Linien außerhalb der stark frequentierten Hauptkorridore weisen i.d.R. hohe Pünktlichkeitsquoten auf (wie z. B. RE 99 mit rund 90 %).

    Rückläufig ist ebenfalls die Pünktlichkeitsquote der RB-Linien um 1,7 Prozentpunkte auf 85,5 % (2017: 87,2 %, 2016: 89,3 %). Analog zu der Situation bei den RE-Linien stellt auch die Pünktlichkeitsquote der RB-Linien den niedrigsten Wert seit Beginn der Datenerfassung durch das KC ITF im Jahr 2010 dar. Besonders verspätungsanfällig sind weiterhin die RB-Linien RB 71 Bielefeld – Rahden (60,0 % (-14,6 %)), RB 67 Münster – Bielefeld (74,5 %), RB 26 Köln – Koblenz (68,5 % (-8,6 %)), RB 30 Bonn – Ahrbrück (71,5 % (-6,5 %)) und RB 48 Köln – Wuppertal (76,5 % (-3,5 %)). Im Gegenzug sind aber auch Linien mit hoher Pünktlichkeit anzutreffen (z.B. RB 96 Betzdorf – Neunkirchen – Dillenburg mit 99,3 %).

    Die S-Bahnen stellen auch 2018 – wie in den Vorjahren – die pünktlichste Produktgruppe im nordrhein-westfälischen SPNV dar. Jedoch hast sich auch die Pünktlichkeitsquote der S-Bahn-Linien(Rhein-Ruhr/Köln) weiter verschlechtert, und zwar von 90,9 % im Jahr 2017 (2016: 91,6 %) auf 89,6 % im Jahr 2018.

    Um detaillierte Aussagen über das Zustandekommen der Unpünktlichkeit zu treffen, wird eine Auswertung der Pünktlichkeitsquoten einzelner Streckenabschnitte über feste Messpunkte herangezogen. Insbesondere bei langen Linienverläufen zeigen sich starke Schwankungen in der Pünktlichkeit. Gründe sind meist stark frequentierte Trassen, die Abhängigkeit von der Pünktlichkeit im Fernverkehr, Langsamfahrstellen aufgrund von Baustellen und Infrastrukturmängeln sowie externe Störungen wie z.B. Stellwerksausfall.

  • Zugausfall: Seit dem SPNV-Qualitätsbericht 2007 werden neben den nicht vorhersehbaren Zugausfällen auch die vorhersehbaren Zugausfälle dokumentiert. Diese Herangehensweise folgt der Auffassung, dass auch planmäßige Ausfälle (z. B. Schienenersatzverkehr wegen Bauarbeiten) zu Qualitätseinbußen führen (zusätzlicher Umstieg, verlängerte Fahrzeit, Komforteinbußen).

    Im Vergleich zum Vorjahr liegt die Ausfallquote bei den vorhersehbaren Zugausfällen im Jahr 2018 mit rund 3 % höher als im Vorjahr dar (2017: ca. 2 %). Während die Werte für die drei Produktklassen 2017 noch recht nah beieinander lagen, stiegen die vorhersehbaren Ausfallquoten der RE-Linien von 2,1 % im Jahr 2017 auf 4,1 % im Jahr 2018 an. Die vorhersehbaren Zugausfälle bei den Regionalbahnen und S-Bahnen stiegen jeweils um 0,5 % auf 2,5 % (RB) bzw. 2,8 % (S-Bahn) an. Im Laufe des Jahres 2018 kam es zu einer Vielzahl großer und lang andauernder Baumaßnahmen im Streckennetz. Besonders durchgehende Sperrung zwischen Duisburg und Essen die in den Oster- und Herbstferien, in der auch vorbereitende Arbeiten für den RRX-Ausbau in Mülheim stattfanden, und die wochenlange Sperrung zwischen Dortmund und Hamm verursachten drastische Einschnitte in den Regelverkehr und damit einhergehende planmäßige Zugausfälle.

    Die Quote der nicht vorhersehbaren Zugausfälle hat sich im Jahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr erhöht (2018: 2,6 %, 2017: 1,2 %). Ein wesentlicher Grund für landesweit auftretende nicht vorhersehbare Zugausfälle ist ein kurzfristiger Mangel an Betriebspersonal und Fahrzeugen. Das Orkantief Friederike im Januar 2018 sowie Starkregen und Gewitter im Sommer haben 2018 zur zeitweisen Streichung von SPNV-Leistungen geführt.

Neben der Betriebsqualität wird im SPNV-Qualitätsbericht auch die landesweite Infrastrukturqualität erfasst.

  • Schienennetz: Um eine umfassende Datengrundlage über die Leistungsfähigkeit der Eisenbahn-Infrastruktur in NRW zu erhalten, wird seit 2009 der Zustand des SPNV-Netzes anhand des „Verzeichnisses der örtlich zulässigen Geschwindigkeiten (VzG)“ sowie der „Verzeichnisse der Langsamfahrstellen (La-Verzeichnis)“ der Infrastrukturbetreiber analysiert. Seit 2010 sind die Ergebnisse im SPNV-Qualitätsbericht dokumentiert. Im Durchschnitt verursachten 2018 pro Monat rd. 85 La-Stellen auf einer Länge von rd. 120 km eine durchschnittliche Reduzierung der örtlich zulässigen Geschwindigkeit um rd. 45 km/ h. Diese Werte liegen deutlich über den Zahlen der letzten Jahre (2017: 54 La-Stellen mit einer Länge von ca. 66 km). Während in den vergangenen Jahren primär eine stetige Zunahme baustellenbedingter Geschwindigkeitseinschränkungen vorlag, ist 2018 zudem eine gravierende Zunahme an infrastrukturellen Mängeln zu beobachten. 

  • Verkehrsstationen: Neben dem Zustand des Schienennetzes ist im Jahr 2018 – wie in den Vorjahren auch – das Erscheinungsbild der Verkehrsstationen hinsichtlich der Kriterien Funktion, Sauberkeit und Graffiti erhoben und bewertet worden. Derzeit weisen 85 der 771 untersuchten Stationen ein nicht akzeptables Erscheinungsbild auf. Der Anteil dieser Stationen liegt mit rund 11% im Jahr 2018 geringfügig höher als im Vorjahr (rund 10 %).

Weiterhin informiert der landesweite Qualitätsbericht über die in Ausschreibungsverfahren vergebenen SPNV-Netze in NRW und gibt weitere Einblicke zur Qualität im SPNV in NRW (z.B. Überblick über geplante Baumaßnahmen in den Jahre 2019 - 2020, Auswertungen der Schlichtungsstelle Nahverkehr zu eingegangenen Kundenbeschwerden, Kundenzufriedenheit im SPNV, Informationen zum RRX).

Akteure


Das Land NRW hat im Jahr 2004 die Erstellung eines jährlichen Qualitätsberichts für den SPNV in NRW initiiert und unterstützt seitdem deren Erstellung.

Seit 2011 ist das Kompetenzcenter ITF NRW, angesiedelt beim NWL am Standort Bielefeld, mit der Erstellung des SPNV-Qualitätsberichtes NRW betraut. Die in den letzten Jahren erschienenen Qualitätsberichte stehen als Kurz- und Langfassung auf der Internetseite des KC ITF zur Verfügung (Qualitätsberichte SPNV NRW).

Die SPNV-Aufgabenträger VRR, NVR und NWL veröffentlichen für ihr Verbandsgebiet regionale Berichte zur SPNV-Qualität, die teilweise eine weitergehende Differenzierung aufweisen. Dabei handelt es sich beispielsweise um die Berücksichtigung "weicher" Kriterien, die durch „Profitester“ und Kundenzufriedenheitsuntersuchungen erhoben werden, die die Qualität der Fahrgastinformation, den Zustand der Fahrzeuge, das Zugbegleitpersonal und die Situation an den Bahnhöfen betreffen. Darüber hinaus erstellen VRR und NVR zur Qualität der SPNV-Stationen jährlich einen eigenständigen Stationsbericht.

Probleme und Aufgaben


NRW ist noch entfernt von zufriedenstellenden Pünktlichkeitswerten (Zielmarke: 95% und besser). Fest verankerte Qualitätsstandards der Verkehrsverträge, die Pönalen (Vertragsstrafen) bewehrt sind, haben in den vergangenen Jahren jedoch wesentlich dazu beigetragen, das Qualitätsniveau im SPNV zu steigern. Das lässt sich NRW-weit im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme der im Wettbewerb vergebenen Linien und Teilnetze beobachten.

Darüber hinaus sind weitere maßgebliche Investitionen in die Schieneninfrastruktur notwendig, die durch den Mischbetrieb von Fern-, Nah- und Güterverkehr punktuelle Engpässe aufweist und so oftmals einem reibungslosen Betriebsablauf entgegensteht. Einen Beitrag zur Ermittlung von Mängeln in der Infrastruktur können der für das Jahr 2009 zum ersten Mal erarbeitete Netzzustandsbericht NRW sowie die in Folge veröffentlichten SPNV-Qualitätsberichte leisten. Durch die Infrastrukturmaßnahmen im Zuge der Einführung des Rhein-Ruhr-Express (RRX) wird eine deutliche Verbesserung des Betriebsablaufs auf der Achse Köln - Düsseldorf - Essen - Dortmund - Hamm erwartet.

Die Fortführung der Modernisierungsoffensive der Verkehrsstationen (MOF 2 und MOF 3 sowie die Modernisierungsmaßnahmen an den RRX-Außenästen) trägt dazu bei, die Stationsqualität flächendeckend zu steigern.

Auch ist auf Grundlage der linienspezifischen Ergebnisse der Qualitätsberichte die Disposition an den neuralgischen Knotenbahnhöfen durch die Infrastrukturbetreiber zu überprüfen, um beispielweise im Verspätungsfall auf klar definierte Regularien der Betriebsdurchführung zurückgreifen zu können.

Zur Verbesserung der Qualität im SPNV rückt der Abbau des zunehmenden Personalmangels im Fahrbetrieb immer stärker ins Blickfeld. So sind verstärkt auftretende, nicht vorhersehbare Zugausfälle festzustellen, die durch den Ausfall von Triebfahrzeugführern sowie Fahrdienstleitern bedingt sind. Weiterhin sind durch eine verlässliche und zeitgerechte Bereitstellung der Fahrzeuge Anfangsverspätungen, die sich im Fahrtverlauf summieren können, vermeidbar. Der konsequente Einsatz spurtstarker Fahrzeuge mit ausreichenden Kapazitäten kann Verspätungen im Fahrtverlauf reduzieren.

Damit Fahrpläne in der Praxis einzuhalten sind, müssen ausreichende Pufferzeiten und erhöhte Fahrgastwechselzeiten auf stark frequentierten Streckenabschnitten berücksichtigt werden.