Flexible Bedienungsformen

Veröffentlicht am 28.01.2021

Anrufsammeltaxi, On-Demand-Verkehr, Bürgerbus etc. – neben dem klassischen Linienverkehr bestehen zahlreiche flexible Bedienungsformen.

Mit dem Ziel, Alternativen für Räume und Zeiten mit schwacher ÖPNV-Fahrgastnachfrage zu schaffen, wurden in den 80er Jahren mehrere flexible Bedienungsformen entwickelt. Im Vergleich zum konventionellen Linienverkehr sehen sie den Einsatz kleiner Fahrzeuge (Pkw oder Kleinbus) vor, meist einen Betrieb nur bei Bedarf, ggf. eine eigenständige Tarifierung und eine Flexibilisierung von Fahrstrecke und Haltestellenbedienung. Dadurch sollen zum einen die Betriebskosten reduziert werden. Zum anderen werden aber auch regelmäßige ÖPNV-Angebote in Räumen und Zeiten schwacher Nachfrage möglich gemacht und Zubringer zum klassischen ÖPNV geschaffen. Vielfach konnte durch flexible Bedienungsformen im ländlichen Raum ein ÖPNV im Taktfahrplan überhaupt erst realisiert werden.

Aktuell werden unter dem Namen „On-Demand-Verkehre“ neue flexible Angebote geschaffen, die digital gebucht werden, z. B. über eine Smartphone-App. Zur Routen-Planung kommen Computer-Algorithmen zum Einsatz.

Ausgangslage


Deutschlandweit gibt es eine Vielzahl von Anwendungsfällen für die flexiblen Bedienungsformen, die sich in ihrer Bezeichnung und Ausgestaltung oft im Detail unterscheiden. Die meisten Anwendungsfälle sind organisatorisch in das kommunale ÖPNV-Angebot integriert und beim örtlichen Verkehrsunternehmen konzessioniert. Die Fahrleistung wird oft von Subunternehmen erbracht, beispielsweise lokale Taxi- oder Mietwagenunternehmen. Folgende Bedienungsformen sind dabei im Wesentlichen zu unterscheiden:

  • Linientaxi: gewöhnlicher Linienbetrieb unter Einsatz von Fahrzeugen des Taxen- oder Mietwagengewerbes,

  • Anruf-Linienfahrt (ALF) / Anruf-Linientaxi (ALT) / Taxibus: wie Linientaxi, verkehrt jedoch nur nach Fahrtwunschanmeldung, 

  • Anruf-Sammeltaxi (AST): verkehrt nach Fahrplan, aber nur nach Fahrtwunschanmeldung von festgelegten Abfahrtstellen zu jedem beliebigen Zielort in einem festgelegten Bedienungsgebiet („Haustürbedienung“), 

  • Rufbus: verkehrt voll flexibel mit vollständiger Aufhebung der Fahrplan- und Linienwegbindung, oft kommen dafür Kleinbusse zum Einsatz.

  • On-Demand-Verkehr: wie Rufbus, aber die Systeme verwenden einen Algorithmus zum Kombinieren von Fahrten und bieten digitale Buchungsmöglichkeiten (i.d.R. kommen Smartphone-Apps zum Einsatz). Da „Haltestellen“ nur virtuell existieren, ist eine wesentlich größere Anzahl an Start- und Zielpunkten möglich.

Bedarfsverkehre, d.h. nur nach Fahrtwunsch durchgeführte Verkehre, erfordern i. A. eine entsprechende technische Infrastruktur zur Fahrtendisposition (Annahme der Fahrwünsche, Disposition der Fahrten, Abrechnung). Im Einzelfall erfolgt die Disposition auch direkt über die beauftragten Taxi- und Mietwagenunternehmen. Das senkt zwar den Aufwand für die Disposition, erschwert aber die Kontrolle.

Ferner gibt es Bedienungsformen, die organisatorisch eher „neben“ dem kommunalen ÖPNV-Angebot stehen und i. A. auch nicht tariflich integriert sind:

  • Taxiruf / Anschlusstaxen: Taxen-Bestellung durch das ÖPNV-Fahrpersonal an die Ausstiegshaltestelle, normaler Taxentarif; Ziel: Service-Verbesserung im ÖPNV.

  • Bürgerbus: Linienverkehr mit Kleinbussen und ehrenamtlichem Fahrpersonal; Träger ist ein Bürgerbusverein, der von der Kommune und vom örtlichen Verkehrsunternehmen unterstützt wird; Ziel ist die Verbesserung der ÖPNV-Erschließung in Siedlungsbereichen ohne regelmäßigen Linienverkehr sowie die Förderung des lokalen Engagements und Zusammenhalts.

Die genannten Bedienungsformen haben sich in zahlreichen Projekten vor Ort etabliert und ihre Praxistauglichkeit bewiesen. Hoch digitalisierte On-Demand-Verkehre sind eine neue Angebotsform, die noch in der Erprobungsphase steckt.

Akteure


Alle flexiblen Bedienungsformen, mit Ausnahme der On-Demand-Verkehre, zählen hierzulande mittlerweile zum Instrumentarium einer effizienten ÖPNV-Gestaltung. Insbesondere das Anruf-Sammeltaxi (AST) ist in ganz Deutschland vorzufinden. Darunter sind auch zahlreiche Anwendungsfälle in den Randbereichen von Großstädten.

Der VDV hat 1994 in seiner Broschüre „Differenzierte Bedienungsformen – Nahverkehrsbedienung zwischen großem Verkehrsaufkommen und geringer Nachfrage“ Beispiele eingeführter ÖPNV-naher Bedienungsformen vorgestellt. 2009 folgte das Buch „Differenzierte Bedienung im ÖPNV – flexible Bedienungsweise als Baustein eines marktorientierten Leistungsangebotes“..

In einem Forschungsprojekt ist das Handbuch zur Planung flexibler Bedienungsformen im ÖPNV entstanden. Es ist beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung zum Download verfügbar.  

Der Planungsleitfaden Mobilitäts- und Angebotsstrategien in ländlichen Räumen – herausgegebenen vom Bundesverkehrsministerium – stellt vorhandenes Wissen für die Analyse und Prognose der Fahrgastnachfrage zusammen. Innovative Lösungsansätze zur Sicherstellung der Mobilität in ländlichen Gebieten werden vorgestellt.

Bürgerbusverkehre werden in NRW derzeit von über 140 Vereinen in Kooperation mit den ortsansässigen Verkehrsunternehmen und den Kommunen ehrenamtlich betrieben. Pro Bürgerbus NRW e.V. dient den Bürgerbusvereinen in NRW als Kommunikationsplattform und bietet seine Unterstützung und Hilfe bei der Gründung neuer Bürgerbusvereine an. Die fortlaufend aktualisierte Broschüre „Bürger fahren für Bürger – Bürgerbusse in NRW“ steht auf den Internetseiten von Pro Bürgerbus NRW zum Download zur Verfügung. Außerdem ist 2017 die Broschüre Verlässlich. Persönlich. Nah. Bürgerbusse in NRW erschienen.

Bei Rufbussystemen erfolgen Abfahrtzeit und Linienwegbildung weitgehend bedarfsorientiert. Aufgrund des hohen Dispositionsaufwands und der geringen Bündelungsmöglichkeit verschiedener Fahrtwünsche werden diese Systeme zurzeit nur in wenigen Anwendungen weiterverfolgt. Im Kreis Heinsberg besteht mit dem MultiBus in drei Gemeinden ein derartiges Verkehrsangebot. Nach einer ca. zweijährigen Konzeptionsphase und einem einjährigen Probebetrieb wurde der MultiBus 2004 zunächst in drei Gemeinden in den Regelbetrieb überführt. Seit 2009 steht der MultiBus abends und am Wochenende kreisweit zur Verfügung. Ein vergleichbares System wurde mit dem NetLiner ab Dezember 2016 für sechs Gemeinden im Raum Monschau in der Eifel und im Aachener Süden eingeführt.  

Einen der ersten On-Demand-Verkehre mit Smartphone-App in NRW hat die Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG) eingerichtet. Das Pilotprojekt MyBus ist im Oktober 2017 gestartet und war zunächst auf drei Jahre angelegt. 2019 wurde das Projekt auf das gesamte Duisburger Stadtgebiet ausgeweitet. Im Herbst 2020 wurde das Projekt um ein Jahr verlängert. Die MyBus-Kleinbusse sind in der Schwachverkehrszeit am Wochenende im Einsatz. Nach einmaliger Registrierung erfolgt die Buchung über eine App auf dem Smartphone. Hierzu geben die Kund*innen zunächst ihren Start- und Zielort ein. Anschließend bündelt das Hintergrundsystem die verschiedenen Fahrtwünsche zu gemeinsamen Strecken. Entwickelt wurde das Hintergrundsystem von dem Berliner Technologieunternehmen door2door. Weitere On-Demand-Verkehre sind in NRW z. B. in den Städten Wuppertal, Krefeld, Oberhausen und Gütersloh gestartet. Den Ausbau von On-Demand-Verkehren im ländlichen Raum fördert das Land NRW im Rahmen der ÖPNV-Offensive. Zum Beispiel ist seit Herbst 2020 in Münster-Hiltrup das On-Demand-Angebot "Loop" unterwegs. In Gronau ist die Umstellung des gesamten Stadtbusverkehrs auf ein On-Demand-Angebot geplant. Weitere Informationen zum Thema On-Demand-Verkehr finden Sie hier.

Probleme und Aufgaben


Die flexiblen Bedienungsformen wie z. B. Anruf-Sammeltaxi haben sich etabliert. So gibt es in NRW keinen Verkehrsraum, in dem nicht zumindest in der Schwachverkehrszeit auf Taxen oder Mietwagen basierende ÖV-Bedienungsformen verkehren. Dasselbe gilt für den in NRW weit verbreiteten Bürgerbus. Zu hoch digitalisierten On-Demand-Angeboten gibt es aktuell noch relativ wenig Erfahrung. Vielerorts werden zunächst Pilotprojekte gestartet. Es ist jedoch zu erwarten, dass die Vielfalt der flexiblen Zusatzangebote die gesamte Wegekette besser abdecken kann und der ÖPNV so an Attraktivität gewinnt. Durch die universelle Verfügbarkeit von Smartphones wird die Kommunikation mit dem On-Demand-Anbieter erleichtert und auch junge Menschen („digital natives“) angesprochen.

Gleiche oder sehr ähnliche ÖV-nahe Angebots- und Bedienungsformen tragen aus Marketinggründen häufig unterschiedliche Produktnamen. Dies erschwert die Wahrnehmung der typischen Einsatz- und Zugangsvoraussetzungen für die Kunden. Ebenso stellen die rechtzeitige Fahrtwunschanmeldung und der Informationsbedarf über die Systemfunktionen eine nicht zu unterschätzende Nutzungsbarriere dar.

Für die ÖPNV-Landschaft sind flexible Bedienungsformen eine große Chance, sich als umfassender Mobilitätsdienstleister gegenüber dem Kunden aufzustellen: Für nicht wenige Menschen ist der ÖPNV das Verkehrsmittel für alle täglichen Wege.