Flexibel unterwegs im Mobilitätsverbund

Veröffentlicht am 28.01.2022

Ob Carsharing oder Bürgerbusse: Zwischen dem klassischen Linienverkehr und dem privaten Auto gibt es inzwischen viele flexible und individuelle Möglichkeiten, mobil zu sein. 

Moderne Mobilität ist multimodal. Immer mehr Menschen steigen vom privaten Pkw auf die öffentlichen Verkehrsmittel, das eigene Fahrrad oder Sharing-Angebote um. Oder sie sind intermodal unterwegs und kombinieren mehrere Verkehrsmittel auf einem Weg. Die grundsätzliche Entscheidung für ein Verkehrsmittel gibt es jedenfalls längst nicht mehr. Vielmehr hängt die Verkehrsmittelwahl vom Fahrtzweck und vom Fahrtziel ab.

Vom Verkehrsverbund zum Mobilitätsverbund

Die Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde reagieren auf diese Entwicklung und erweitern ihr Angebot um individuelle Mobilitätsleistungen. Carsharing, Bikesharing und Leih-E-Scooter machen Nahverkehrskund*innen in vielen Großstädten NRWs bereits flexibel mobil. Die Nutzenden besitzen das Verkehrsmittel nicht mehr, sondern leihen es sich bzw. teilen es mit anderen Personen. Abseits der großen Ballungszentren sind Stadtbus, Anruf-​Sammeltaxi oder Bürgerbus zukunftsorientierte Ansätze, die den ÖPNV dort auch wirtschaftlich und attraktiv machen.

Es stehen also heute bereits zahlreiche öffentlich zugängliche Angebote für alle denkbaren Mobilitätsansprüche und Transportaufgaben zur Verfügung, die kein privates Auto voraussetzen. Durch die Vernetzung mit individuellen Verkehrsmitteln und Mobilitätsdienstleistungen entwickelt sich der öffentliche Nahverkehr zu einem umfassenden Mobilitätsverbund, der die unterschiedlichen Wünsche und Bedarfe seiner Kund*innen erfüllt.

Der „Mobilitätsverbund“ stellt die logische Erweiterung der Verkehrsverbünde dar: Kund*innen erhalten über eine einheitliche „Benutzeroberfläche“ Zugang zu einer Vielzahl von lokalen Mobilitätsangeboten einschließlich ÖPNV, Carsharing, Leihfahrräder oder Taxi. Die Position der öffentlichen Verkehrsmittel im Verkehrsmarkt wird hierdurch gestärkt.

Ausgangslage


Ab den 80er Jahren wurden in Nordrhein-​Westfalen Verkehrsverbünde eingerichtet, um die Verkehrsträger im ÖPNV besser zu vernetzen: aus einzelnen „Produkten“ wuchs ein regional abgestimmtes Angebot mit einheitlicher „Benutzeroberfläche“ (abgestimmte Fahrpläne, einheitliches Tarifsystem, klare Informationsstrukturen). Der Verbundgedanke war das Erfolgsmodell für den ÖPNV in den letzten 30 Jahren.

Heute wird das „klassische“ ÖPNV-​Angebot durch eine Vielzahl von Angebotsformen erweitert, wie beispielsweise Carsharing oder Leihfahrräder (vgl. Bild).

Gerade in Großstädten ist eine umwelt- und kostenbewusste Generation junger Menschen herangewachsen, die mit dem Internet aufgewachsen ist, über eine weniger emotionale Bindung zu Pkws verfügt und für mehrere Wirtschaftsbereiche eine „Kultur des Teilens (per Internet) anstatt des Besitzens“ etabliert hat („Shareconomy“). Auch das landesweite Semesterticket der Studierenden in NRW hat zu einer Wahrnehmung des ÖPNV als ein freizügig nutzbares Verkehrssystem innerhalb dieser Altersgruppe beigetragen.

Die genannten Entwicklungen tragen zunehmend dazu bei, dass Menschen ein sehr mobiles Verkehrsverhalten insbesondere in einem großstädtischen Umfeld realisieren können, ohne ein eigenes Auto zu besitzen. 

Der ÖPNV kann als kollektives Verkehrssystem viele alltägliche Mobilitätsbedürfnisse in unserer modernen Gesellschaft erfüllen, aber nicht alle. ÖPNV-​Nutzende benötigen vielfach ergänzende Verkehrsangebote, um die im Regelfall nicht täglich oder nur zu bestimmten Anlässen auftretenden Mobilitätsbedürfnisse zu befriedigen (z. B. wöchentlicher Großeinkauf).

Gleichzeitig stehen Anbieter von Dienstleistungen wie Carsharing vor der Schwierigkeit, dass ihre Angebote eher gelegentliche Mobilitätsbedürfnisse befriedigen, auf alltägliche Wege (z. B. Pendlerwege) aber weniger zugeschnitten sind. Sie sind daher ein „natürlicher“ Partner des ÖPNV, und aus dieser Partnerschaft sind Synergien zu erwarten.

Weiterhin sind mobile Endgeräte (v.a. Smartphones) heute sehr weit verbreitet. Sie bieten erst die Möglichkeit, ad-​hoc und on-​trip Informationen zum Verkehrsangebot einzuholen oder kurzfristig und auch während der Reise Buchungen vorzunehmen. Bestimmte neue Dienstleistungen sind erst durch die mobile Internetnutzung entstanden (z. B. stationsloses Carsharing: der nächstgelegene Standort eines Fahrzeugs kann per Internet abgefragt werden). 

Mit dem eTicket, das im Rahmen des elektronischen Fahrgeldmanagements bereits bei mehreren Verkehrsverbünden in NRW eingeführt wurde, verfügen die Verkehrsunternehmen über ein recht universell im Verkehrsbereich einsetzbares Zugangsmedium zu Dienstleistungen und Produkten. Auf der Chipkarte lassen sich neben Fahrtberechtigungen für den ÖPNV auch weitere Prozesse und Produkte ablegen, die zur Abrechnung von Dienstleistungen mit den Kunden genutzt werden können. 

Der Vielzahl von unterschiedlichen Dienstleistungen fehlt jedoch eine einheitliche „Benutzeroberfläche“ für den einfachen Zugang. Potenzielle Kunden müssen sich bei jedem Anbieter individuell anmelden und ggf. eine monatliche Grundgebühr entrichten. Auch die Zahlungs-​ und Abrechnungswege sind je Anbieter in der Regel unterschiedlich. Dadurch sind die Barrieren zur Nutzung mehrerer neuer Dienstleistungen zurzeit recht hoch. 

Der „Mobilitätsverbund“ ist ein Angebotssystem, das das „klassische“ ÖPNV-​Angebot mit neuen Angebotsformen wie Carsharing oder Leihfahrrad durch eine gemeinsame Angebots-​ und Abrechnungsplattform (einheitliche „Benutzeroberfläche“) verknüpft. Kunden erhalten damit einen einheitlichen bzw. vereinfachten Zugang zu allen Angeboten des Mobilitätsverbundes.

Akteure


Nicht zuletzt durch das VDV-Positionspapier „Der ÖPNV: Rückgrat und Motor eines zukunftsorientierten Mobilitätsverbundes“ (2013) sowie durch das von mehreren Verkehrsverbünde initiierte Gutachten „Vom Verkehrs- zum Mobilitätsverbund“ ist die Verknüpfung von ÖPNV und ergänzenden Verkehrsangeboten bzw. Mobilitätsdiensten stärker in das Blickfeld der Fachöffentlichkeit gerückt.

So zeigen sich nach ersten Angeboten von integrierten Mobilitätsdienstleitungen (v.a. HANNOVERmobil von 2004 bis 2018) zwischenzeitlich mehrere kommunale Verkehrsunternehmen und Verbünde in diesem Bereich aktiv, wie z. B.:

  • Zeitkarten-​Kund*innen mehrerer Verkehrsunternehmen im Verkehrsverbund Rhein-​Ruhr (VRR) erhalten einen Rabatt bei der Ausleihe von Fahrrädern des „metropolradruhr“. eTicket-​Kund*innen im VRR können ihre Chipkarte zur Freischaltung des Fahrrads an der Station verwenden.

  • Für eTicket-​Inhaber im Verkehrsverbund Rhein-​Sieg (VRS) entfällt bei der Nutzung des lokalen Carsharing-​Angebots die Anmeldegebühr. Außerdem wird ein Rabatt auf den Zeitpreis gewährt.

  • VRS-​Abokund*innen können mit ihrem eTicket die Leihräder verschiedener Anbieter nutzen. Das gewünschte Rad wird mit der Chipkarte aktiviert, die erste halbe Stunde Radeln ist dann teilweise kostenlos.

  • Die Stadtwerke Münster bieten ihren Aboticket-​Kund*innen mit der PlusCard die Möglichkeit zum vergünstigten Carsharing, zum Stromtanken an Ladesäulen und zum bargeldlosen Bezahlen in Parkhäusern.

  • Verschiedene Verkehrsunternehmen in NRW bieten in ihren Apps neben der Fahrplanauskunft und dem Ticketkauf eine Übersicht über verfügbare Sharing-Angebote (wie CarSharing, BikeSharing, E-ScooterSharing), teilweise mit direkter Buchungsmöglichkeit (z. B. Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-AG, Kölner Verkehrs-Betriebe AG, Ruhrbahn GmbH Essen/Mülheim, Verkehrsgesellschaft Kreis Unna mbH).

Neben den Verkehrsverbünden, die „aus dem ÖPNV heraus“ agieren, stoßen auch Automobilhersteller (u.a. Daimler und BMW mit Share Now) über das Carsharing und über die intelligente Vermittlung von Mobilitätsdienstleistungen (d.h. Smartphone-Anwendungen) in diesen Bereich vor.

Probleme und Aufgaben


Das strategische Ziel des Mobilitätsverbundes nutzt sowohl der ÖPNV-​Branche (neue Mobilitätsdienstleistungen sind geeignet die natürlichen Schwächen des ÖPNV-​Angebotssystems auszugleichen) als auch den Anbietern neuer Mobilitätsdienstleistungen, da sie auf etablierte Vertriebsstrukturen mit einem sehr großen Kund*innenstamm treffen.

Verkehrsverbünde bieten sich deshalb als Nukleus eines Mobilitätsverbundes an. Die Aufgabe zum Aufbau von Mobilitätsverbünden dürfte daher im Wesentlichen den jeweiligen Verbundgesellschaften zufallen. Der Übergang von einem Verkehrsverbund zum Mobilitätsverbund erfordert ein Migrationskonzept, in dem Fragen der Produkte („Welche Mobilpakete sind marktfähig?“), der technischen Abläufe („Wie funktioniert die Buchung zwischen unterschiedlichen Hintergrundsystemen, wie läuft die Bezahlung durch den Kunden ab?“) und der Geschäfts-/ Finanzierungsmodelle („Welche unternehmerischen Allianzen sind erforderlich?) beantwortet werden müssen (vgl. Bild).

Für Verkehrsunternehmen und Verbünde stellt das Thema „Mobilitätsverbund“ eine große Herausforderung dar. Einerseits hat die Nahverkehrsbranche gute Ausgangsvoraussetzungen zur Realisierung des Mobilitätsverbunds (vgl. eTicket, ÖPNV als Hauptverkehrsmittel für alltägliche Wege wie z.B. Pendlerwege, große Kundenstämme von Zeitkarteninhabern). Andererseits zählt es bislang nicht zu ihrem Kerngeschäft, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Für „Mitbewerber“ bei der Realisierung des Mobilitätsverbunds wie Automobilhersteller, Start-up-Unternehmen aus der Computerbranche oder die Deutsche Bahn ist die Erschließung neuer Geschäftsfelder hingegen zum „Alltagsgeschäft“ geworden. Die ÖPNV-Branche benötigt daher eine gewisse Innovationskraft, um diesen Migrationsprozess erfolgreich umzusetzen. 

Das Land NRW setzt sich dafür ein, dass Reisende künftig möglichst überall, zu jeder Zeit ihren persönlichen Bedürfnissen entsprechend multimodal unterwegs sein können. Damit der Wechsel der Verkehrsmittel reibungslos funktioniert, hat das Verkehrsministerium das Programm Mobility-as-a-Service, kurz MaaS NRW, gestartet. Planen, Buchen und Bezahlen sollen für unterschiedliche Verkehrsmittel einfach und komfortabel möglich werden.

MaaS NRW ist als ein Stufenprogramm angelegt. In systematisch aufeinander aufbauenden Schritten wird das in der Grundlagenuntersuchung definierte Zielbild für die Mobilität im Land umgesetzt. Neue technische Möglichkeiten und Trends können so flexibel in zukünftige Entwicklungsstufen miteinbezogen werden. Die erste Stufe, MaaS 1.0, ist Ende 2021 gestartet. Hierzu wurden regionale Leuchtturmprojekte benannt, die vernetzte, digitale Mobilitätsangebote ermöglichen und den Menschen schon jetzt ein besseres Mobilitätsangebot machen. Darüber hinaus gehen landesweite, systemische Projekte wie beispielsweise der eTarif in die Umsetzung, um MaaS NRW durch die Vernetzung der notwendigen Hintergrundsysteme zu ermöglichen.

Mehr zum Thema MaaS NRW auf mobil.nrw und in dieser MaaS-Broschüre.